Obwohl nur 60 Kilometer nordwestlich von Ecuadors Hauptstadt Quito gelegen, ist das Reservat Los Cedros gut einen ganzen Tag entfernt. Er beginnt morgens um 6.00 Uhr an der Busstation der ‘Transportes Minas’, gelegen in der ‘Calle Los Rios’ nahe dem ‘Hospital Ayora’. Von dort aus geht es in einer an Serpentinen reichen Fahrt durch steile, zerfurchte Taeler, wobei man sich wundert, wie die vier Räder des Busses auf der Straße Halt finden, in etwa dreieinhalb Stunden bis in das kleine Örtchen Chontal. Dort angelangt kann man im ‘Hostal San Fernando’, welches von Alicia Rodriguez und Ramiro Nogales geführt wird, ein köstliches Frühstück einnehmen. Nach der Stärkung kommen noch vor 11.00 Uhr die Mulis und ein Führer dorthin, um das Gepäck aufzuladen. Ein Großteil des vierstündigen Marschs führt entlang des tiefblauen ‘Rio Magdalena’. Während der Wanderung kommt man vorbei an kleinen Farmhäusern, Feldern voller Bambusstauden und eventuell läuft man direkt in die Wolken hinein.
Schon bald wird man sich durch Schweiß und die hohe Luftfeuchtigkeit wie gebadet fühlen. Zu allen Seiten wird der Wald immer dichter und die Füße sinken immer tiefer in den Schlamm. Langsam aber stetig wird man Teil dieses tropischen Waldes. Hier nun befindet man sich in Los Cedros – ein kleines Paradies für tausend verschiedene Arten, den Menschen inklusive.
Die ‘Cordillera de Toisan’ erstreckt sich in Ost-West-Richtung entlang der Westseite der Anden. Von der ‘Cordillera de Toisan’ aus liegt von Norden nach Süden verlaufend die ‘Cordillera de la Plata’, wovon Los Cedros größtenteils den südlichen Part ausmacht. Das Reservat liegt auf den ansteigenden Höhenzügen der Cordillera, geprägt von steilen Flußtälern und hohen Bergkämmen. Die Höhenlagen reichen von 1000 Metern beim Eintritt ins Reservat bis in 2700 Meter Höhe am ‘Cerro de la Plata’. Los Cedros umfasst vier größere Wasserläufe: den ‘Rio Manduriyacu, den ‘Rio Verde’, den namengebenden ‘Rio Los Cedros’ und den Südteil des ‘Rió Magdalena Chico’ (siehe Karte). Diese Flüsse für jene zu schützen und sauber zu halten, die flußabwärts leben, ist ein Hauptanliegen des Reservates Los Cedros.
In dem Gebiet, welches heute als das Reservat Los Cedros bekannt ist, hat man urgeschichtliche Hinweise auf indigene Bewohner finden können. Auf dem Weg ins Reservat sind auf einem großen Granitfelsblock Steinritzzeichen in Form von Spiralen und Kreisen zu sehen. Man stieß sowohl auf etliche Reibesteine, ‘bateas’ genannt, für das Zermahlen von Korn, als auch auf verschiedene Gefäße und Keramikschmuck in Gegenden, wo der Wald sich nachweislich in einer zweiten Regenerationsphase befindet. Aufgrund dieser Fundstücke kann man über die Lebensweise der einstigen Bewohner jedoch lediglich spekulieren.
Die nächste nachweisliche Besiedelung, von der wir wissen, ist erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auszumachen, als ein tschechoslovakischer Immigrant mit dem Namen Pepe Yanouch ausschließlich mit der Kraft von Maultieren einen Bulldozer über die Berge transportierte, mit dem Ziel die Wälder rund um das Gebiet zu roden, wo die Täler ‘Magdalena’ und ‘Guayllabamba’ zusammen treffen. Nach der Gründung der Stadt Sanguangal, eröffnete man eine Strasse nach Quito. Seitdem ist dieses Gebiet stets bewohnt worden, wobei die Berghänge zunehmend abgeholzt wurden. Die meisten dieser Siedlungen sind kleine von Familien bewirtschaftete Farmen, wo man Getreide, Papapayas und Bananen anbaut und Rinder züchtet. Einige dieser Siedlungen sind im Zuge der Akquise von Land fuer das Reservat aufgekauft worden.
Das Reservat Los Cedros besteht aus 6800 Hektar tropischen Primär- und Nebelwaldes, in der Vorgebirgsregion gelegen. Etwa 1072 Hektar davon sind besiedelte Fläche und der Rest ist bewaldet. Das Reservat ist eine Art südliche Pufferzone für das über 18200 Hektar große ökologische Cotacachi-Cayapas Reservat. Beide sind Teil der phytogeographischen Zone ‘Choco’. Die ‘Choco’ Region ist weltweit eine der Gegenden mit der höchsten Biodiversitätsrate und endemischen Lebensräumen. Um diese bedrohte Region zu retten, setzte sich Josef DeCoux, ein auf dieser Fläche seit den 80er Jahren lebender Nordamerikaner, mit dem Zentrum zur Erforschung der Tropenwälder (Centro de Investigaciones de los Bosques Tropicales / CIBT) in Verbindung, um weiteres Land zu erwerben und das Reservat zu legalisieren. Einhergehend mit dem schlichten Schutz des Waldes vor weiterer Rodung ist das Ziel von Los Cedros die vier großen Wasserläufe im Reservat zu erhalten. Dieses Vorhaben verlangt harte Arbeit und die Hingabe einer Gruppe vieler Enthusiasten.
Die Lebensbedingunen in Los Cedros könnten komfortabler nicht sein. Das Wasser läuft direkt vom Gebirgsfluß durch die Anziehungskraft in die Küche und die Waschbecken hinein. Es gibt etliche Außengebäude und sowohl solar betriebene Duschen als auch eine durch eine Gastherme beheizte Duschgelegenheit. Das Reservat hat ein hydroelektrisches (von Wasserkraft betriebenes) 12 Volt-System (und 110 Volt Spannung fuer die Steckdosen), welches einem Spannungsabfall durch die Flußkräfte vorbeugt.
Ein Großteil der Nahrung wird in der ‘Cooperativa Camari’ eingekauft, wo indigene Bauern ihre organischen Lebensmittel anbieten. Die Mahlzeiten sind angereichert mit frischem Gemüse, Kräutern und Fruchtsäften aus dem Reservat. Während der Woche werden die Volontäre und Touristen stets mit köstlichem Essen versorgt, welches ein kleines Team von noch kleineren Köchinnen zubereitet. Die Kombination dieser Gegebenheiten und des Gartens helfen Los Cedros dabei sich zunehmend selbst zu versorgen.
Obwohl nur 30 Meilen nördlich des Equators gelegen, können die Nächte, wenn es bewölkt und regnerisch ist, in diesen Höhenlagen recht kühl werden. Die Temperaturen bewegen sich generell zwischen 16 und 25ºC. Nordwestecuador ist eines der klimatisch feuchtesten Gebiete auf der Erde. Dies ist auf das Zusammentreffen des kalten Humboldtstromes und des warmen Panamastromes direkt an der Küste zurückzuführen. Die Trockenzeit ist zwischen Juli und Oktober. Die hohe Niederschlagsmenge und die meist den ganzen Tag lang anhaltende hundertprozentige Luftfeuchtigkeit erschwert die Bedingungen fuer die hier vorkommenden Pflanzen und Tiere. Hier an dieser Stelle, wo die Flora und Fauna der Zentralanden sich mit jener der Amazonasregion und der andinen Gegenden überschneiden, ist eines der Gebiete mit der höchsten Biodiversität (Vorkommen verschiedener Arten) des Planeten.
Man kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber es gibt im Reservat etwa über 300 verschiedene Vogelarten. Diverse Greifvögel, Papageien, Eulen und Tukane sind nur einige davon. Über ein Dutzend Kolibriarten fliegen im Wald herum, einige nicht größer als zweieinhalb Zentimeter. Der beeindruckende Andenklippenvogel (Rupicola peruviana), der Tukanbarbett (Semnoruis ramphastinus) und der farbenprächtige Goldkopftrogon (Pharomachrus auriceps) haben hier ihr zuhause.
Tausende Spezies umfassend, dominieren wirbellose Tiere die Fauna. In Los Cedros gibt es über 900 Arten nachtaktiver Motten, die meisten davon mit beeindruckenden Flügelgrößen und Farbmustern. Des Weiteren gibt es tausende Arten von Schmetterlingen, Ameisen, Käfern, Spinnen und Bienen. Recht oft kann man die Pepsiswespe (Herkuleswespe) sehen, welche vielleicht gerade eine Tarantel nach Hause transportiert, um sie als lebendes Nest fuer ihre Jungen zu benutzen. Hier lebt die größte Wanze der Welt, gemeinsam mit der größten in Südamerika gefundenen Wasserwanze. Das Reservat ist zudem Lebensraum für verschiedene Arten von Schlangen, Echsen und Frösche, die man oft zu Gesicht bekommt, welche aber noch wenig erforscht sind.
Spuren in der Form von Kot und Pfaden sowie das gelegentliche Sehen, festigen die Annahme, dass fünf Arten von Kleinkatzen hier im Reservat ihr Territorium haben. Allgemein geläufige Namen sind Jaguarundi (Felis yagouarundi), Margay (Felis wiedii), Oncilla (Felis tigrina), Puma (Felis concolor) und Jaguar (Panthera conca). In den Morgenstunden wird man abgesehen vom Gesang der Vögel vielleicht vom Geschrei der Mantelbrüllaffen (Alouatta paliatta) geweckt. Er ist - seinem Namen alle Ehre machend - , der lauteste von allen und kann somit oft gehört und in den Baumwipfeln beobachtet werden. Bei den anderen beiden Affenarten handelt es sich um den Braunkopfklammeraffen (Ateles fusciceps) und den Weißschulterkapuziner (Cebus capucinus). Die einzige in Südamerika vorkommende Bärenart, der Brillenbär (Tremarctos ornatus), auch Andenbär genannt, bewohnt die höheren Lagen des Reservats und wird ab und zu gesehen.
Andere hier anzutreffende Lebewesen sind das Opossum (Didelphis marsupialis), das Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) , der Wickelbär (Potos flavus), das Tayra (Eira barbara), der südliche Flussotter (Lutra longicaudis), das Halsbandpekari (Tayassu tajacu), das Rotmazama (Mazama americana), die Paka (Agouti paca), die Taschenmaus (Heteromys), der südamerikanische Greifstachler (Coendou bicolor), das westliche Zwerghörnchen (Microsciurus mimulus) und das Rotschwanzhörnchen (Sciurus granatensis).
Häufig vorkommende Baumarten beinhalten den Copal blanco (Dacryodes Burseraceae), Madroño, Avocatillo, Fikus und Podocarpus, wohingegen die Zedern, nach denen das Reservat benannt ist, weniger zahlreich vertreten sind. Man hat noch fünfzig weitere Bäume identifiziert, aber dies stellt lediglich einen kleinen Ausschnitt der in dieser Gegend präsenten Artenvielfalt dar. Der dichte Waldboden und das Unterholz sind ein dickes Netz aus unnachgiebigen Wurzeln, Lianen, Kletter- und Schlingpflanzen und dekompostiertem Pflanzenmaterial. Ein Charakteristikum des Nebelwaldes ist, dass die Bäume auf den Bergkämmen wesentlich größer und beladener sind mit luxuriösen Epiphyten, die Krone ist offener und der Stamm dicker und bewachsener. In den oberen Baumzonen ranken sich Philodendren, Bromelien, Heliconien und Cyclanthaceae entlang. Die Gegend ist besonders reich an Orchideen. 190 Arten sind bereits identifiziert worden, wobei es schätzungsweise noch 200 weitere zu entdecken gibt, so der Biologe Cal Dodsen.
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